Wer selbst mal in der Musikschule war, weiß, dass jeder Finger seine Zahl hat, die dann über die Noten geschrieben wird, wenn eine komplizierte Passage kommt, oder wenn man gerade ein neues Musikstück lernt. Damit man schnell alle Finger an den richtigen Ort bekommt.
Beim Harfenspiel ist das sehr einfach. Grosser Daumen 1, Zeigefinger 2, Mittelfinger 3, Ringfinger 4. Der kleine Finger spielt in der klassischen Musik nicht mit. Bei mir auch nicht.
Es gibt verschiedene Spielstile auf der Harfe, wie beispielsweise die klassische französische Haltung. Daumen in der Saite fest gegen die Säule drücken, Zeigefinger tief halten, gegen den Daumen drücken und dann Zeigefinder schön rund in den Handballen hinein abspielen, wie eine Baggerschaufel. Während der Daumen weiter gegen die Säule drückt. So gibt es einen schönen, runden warmen Ton.
Diese klassische Grundtechnik lernte ich mit 17 bei meiner ersten „klassischen“ Harfenlehrerin, Prof. Nicoletta Alberti, in der öffentlichen Musikschule. (über alle meine musikalischen Lehrmeister werde ich noch einen Artikel schreiben, damit alle gewürdigt werden).
Meine Lieblingshausaufgabe, die ich immer noch in den Ohren habe, die war jedoch: selbst herauszufinden, wie ich welche Finger wie setze und abspiele, und gut hinhören, wie der Ton dann klingt. Später übersetzte ich das in: je nachdem, welchen Klang ich gerade brauche. Und in diesem „Forschungsgebiet“ war ich eine Weile sehr eifrig.
Ich merkte bald, dass es einen Riesenunterschied machte, ob ich die Finger rund abspielte, einen Millimeter weniger rund, etwas mehr gerade, oder kerzengerade, ein wenig schief, oder ganz schief, mehr drücken, oder nur ganz wenig. Jeder Minimillimeter des Fingers auf der Saite weiter oben oder weiter unter veränderte den Klang dann nochmal. Oft suchte ich gar nicht bewusst danach, oft passierte es einfach. Und manchmal hatte ich das Glück, dass ich mich erinnerte, wie die Finger das gemacht haben. So entwickelte sich mit der Zeit mein eigener Spielstil.
Als ich ab und zu auf Kursen gefragt wurde, wie ich bestimmte Lieder spiele, da brauchte ich Namen für die Finger, die das ausdrückten, wofür ich die Finger wie verwendete.
Wenn ich auf der Harfe etwas erzählen will, dann kommt bei mir der Liedfinger dran. Der Zeigefinger. Wenn bei mir beim Spielen der Erzähler drankommt, spielt ausschliesslich der Zeigefinger. Die gesamte Melodie. Musikschultechnisch gesehen eine Katastrophe. So dürfte man nie bei klassischen Wettbewerben spielen. Klangtechnisch jedoch: eine sehr markante Erzählstimme. Wenn der Zeigefinger fertig „gesprochen“ hat, spielen andere Fingerkombinationen weiter. Terzen, Quarten, Quinten, grössere Akkorde, was gerade kommt. Oder: Solostimme höher, tiefer, wenn einer der anderen Finger was zum Weitererzählen weiss. Das gibt es natürlich auch.
Manchmal macht das der Orchesterfinger. Der Volumengeber.
Warum ich ihn so nenne? Seit einem Missgeschick, das mir am Tag vor einer sehr wichtigen Hochzeit passierte, wo ich in der Kirche die Messe spielte.
Ich klemmte meinen rechten Daumen in der Tür am Auto ein. Erst dachte ich, das wird schon gehen. Pflaster drauf und gut. Am Abend vor der Hochzeit – keine Chance, mit diesem Daumen die Saiten auch nur zu berühren. Absagen war keine Option, es war die Hochzeit meines Patenkindes. Also sagte ich mir: spielen wir einfach ohne Daumen! Gesagt, getan. Ich konnte gut spielen. Doch an dem Tag lernte ich, was „fehlt“, wenn der Daumen nicht spielt:
DAS VOLUMEN.
Nun denn, seither hat mein Daumen einen Namen: es ist mein Orchesterfinger. Ohne Daumen – kein Orchester! Kein Volumen. Auch kein Raum.
Es klang, als würde nur ein Viertel der Harfe spielen. Obwohl ich mit allen anderen Fingern tadellos und sehr kräftig spielen konnte. Seit jenem Tag wusste ich für mich: Der Daumen ist der unverzichtbare natürliche Verstärker, ganz besonders, wenn man ohne Verstärker spielt.
Erzählfinger und Orchesterfinger sichtbar im Video: „like an eagle flies“ hier im Herbert Pixner Projekt. Auszug aus Livestream-Konzert 2020.
Foto: Heidi Rosenstatter. Seeham, Biohotel Schiessentobel im April 2015.
