Freies Spiel auf der Harfe – die Absicht

Freies Spiel ist für mich, wenn ich spiele, ohne Vorlagen und Noten. Wenn ich die Hände an die Harfe setze und „frei“ zu spielen beginne.

So ist es schnell und einfach erklärt. Bei genauerem Hinschauen ist es schon ein wenig anders.

Angenommen, ich spiele ein Solokonzert. Zum Beispiel eine besinnliche Andacht im Wald. Dann mache ich mir natürlich vorher Gedanken, was ich denn vermitteln möchte. Welche Stimmung ich gerne möchte, dass entsteht.

Diese Grundstimmung entscheidet dann zumeist über die Art, über den Rhythmus für das erste Stück. Nicht immer beginne ich direkt mit freiem Spiel. Ab und zu gibt es zuerst ein fertiges Stück. Im Laufe des Spieles verändert sich dieses Stück. Das freie Spiel beginnt. Es kommt etwas Anderes daher, als ich wollte, die Finger spielten etwas Anderes, als das, wie es eigentlich weiter gehen würde. Dann schau ich zu, und hör ich hin, wie es klingt. Manchmal brauche ich mehr Kraft in der Aussage, manchmal noch viel mehr Stille, und manchmal braucht es ein längeres „Ankommen Lassen“. Es kann sein, dass noch nicht alle da sind, und schnell noch die Plätze gesucht werden. Jeder Raum klingt anders. Jedes Publikum klingt anders. Ich bin jeden Tag anders. Das Instrument ist auch nicht immer gleich. Kalt/Warm, das macht einen Unterschied im Klang der Saiten.

Dies alles bestimmt, wie ich die Hände an die Harfe setze, und mit welcher Hand ich zum spielen beginne. Mit der linken nur Begleitung, mit allen beiden gleichzeitig, ruhig und langsam, oder schnell. Manchmal geschieht es, dass ich eine genaue Vorstellung habe, wie es klingen sollte, die Hände jedoch mit einem ganz anderen Rhythmus beginnen. Also passe ich mich an, und höre meinen Händen zu. Wenn es reinpasst, Rhythmus zu wechseln, und das zu spielen, was ich mir so „erdachte“, dann wechsele ich dorthin. Wenn es mir besser gefällt, was sich die Hände ausgewählt haben, dann lasse ich sie weiterspielen.

Also, so „frei“ ist es doch nicht, das „freie Spiel“. Es sind alles „sich bedingende Umstände“, würde ein Gnani sagen. Absolut frei ist meine Absicht, etwas Erhebendes zu spielen, etwas Beruhigendes, etwas einfach nur Schönes, etwas Lustiges, etwas Bewegendes, etwas Aufmunterndes, etwas Lösendes, etwas Befreiendes, etwas Einfaches, etwas Berührendes, etwas Heiteres, oder etwas Intuitives, das ich „spielen lasse“. Was auch immer ich spielen will – die Absicht, die kann ich bestimmen.

Ob es dann auch so wird, das liegt nicht allein in meinen Händen.

 

Hier ein Stück, frei gespielt vom Anfang bis zum Schluss. Tramonto aus der CD Endlos. Aus dem Jahr 2016. Die Absicht in diesem Spiel – daran erinnere mich noch genau: die Aufnahme war im Biohotel Schiessentobel, die Sonne ging gerade unter. Dieses Licht – diese Stimmung der untergehenden Sonne war so ergreifend. Ich wollte diese Stimmung „spielen“. Dieses Zuschauen wie sie untergeht, die kommende Nacht, und die Gewissheit, dass sie wieder aufgehen wird. Dieser Zyklus der Natur. Dieses ewige Kommen und Gehen.